Stellungnahme zur Kampagne „Kinder überraschen“

Stellungnahme zur Kampagne „Kinder überraschen“

Vor einiger Zeit starteten wir eine politische Kampagne gegen vorgeburtliche Geschlechtsauswahl. Bei der Formulierung unserer Forderungen stolperten wir über vielfache Hürden und Widersprüche, die wir in diesem Text aufgreifen und weiterdiskutieren wollen. Auch ist von uns eine Veranstaltung zu dieser Thematik angedacht.

Auf Einladung des »Gen- ethischen Netzwerks« haben wir uns mit dem Thema vorgeburtliche Geschlechtsauswahl auseinandergesetzt und waren uns schnell einig, dass wir diese Form von medizinischer Geschlechternormierung aus einer queerfeministischen Perspektive kritisieren wollen. Mit Geschlechtsauswahl sind verschiedene Methoden gemeint, bei denen entweder pränatal (also beim Fötus im Mutterleib), oder präimplantal (also im Reagenzglas) entschieden wird, welches Geschlecht das Kind haben soll [1].

Dieses Vorgehen kritisieren wir zum einen, weil damit die herrschende Geschlechterordnung gestärkt wird: Die Methoden suggerieren, dass Geschlecht genetisch festgelegt ist, es exakt zwei Geschlechter gibt und jedes eine spezifische Erscheinung hat. Diesen Biologismus lehnen wir ab. Mit der scheinbar individuellen Wahl „lieber Junge oder lieber Mädchen?“ geht zudem die Zuschreibung klischeehafter Geschlechterrollen (Fußball oder Shopping) [2] einher. Solche Zuschreibungen werden diskursiv gestärkt und bekommen dadurch eine gesamtgesellschaftliche, (hetero)normierende Dimension, das heißt es geht nicht mehr nur um den individuellen Kontext der einzelnen Kinder bzw. Eltern.
Zum anderen sehen wir die pränatale Geschlechtsauswahl in engem Zusammenhang mit anderen Formen von pränatalen Optimierungs- und Normierungstendenzen, wie z.B. dem Wunsch, kein „behindertes“ Kind zu bekommen, ein „intelligentes“ Kind zu bekommen usw. Vor dem Hintergrund neoliberaler Programmatiken, dass jede_r für die eigene Gesundheit und Durchsetzungsfähigkeit selbst verantwortlich sei, lassen sich diese scheinbar individuellen Träume nicht von gesellschaftspolitischen Dimensionen trennen.

Auf der Grundlage dieser Überlegungen starteten wir eine Kampagne, die das Thema möglichst breit, aber insbesondere in queerfeministischen Kreisen bekannt machen sollte. Wir produzierten Aufkleber, auf denen wir unsere Diskussionen und Kritiken rund um das Thema „vorgeburtliche Geschlechtsauswahl“ darstellen wollten. Es entstand der Slogan „Kinder sind nicht planbar“, der vor dem Hintergrund eines Kinder- Überraschungseis prangte. Auf dem Ei platzierten wir zudem „+ choice; – selection“ (für das Recht auf Wahl und Selbstbestimmung; gegen die Auswahl von Föten/ Menschen).

Schon während wir uns bemühten, unsere Meinung in knappe Sätze zu packen, hatten wir einige Schwierigkeiten. Die Verfänglichkeit unserer Statements wurde uns jedoch erst nach Fertigstellung der Aufkleber in ihrem ganzen Ausmaß klar: Slogans wie „Kinder sind nicht planbar“ ähneln stark der Argumentationsweise von christlichen Fundamentalist_innen, die sich pauschal gegen Abtreibungen positionieren. Der Begriff „Kinder“ (anstatt bspw. Föten) erinnert in diesem Kontext stark an einen konservativen Sprachgebrauch, der mit diesem Begriff auf die ethisch-moralische Unantastbarkeit von Föten zielt. Es besteht die Gefahr, dass unsere Kampagne von konservativen Argumentationen vereinnahmt wird. Unsere Slogans können falsch verstanden werden, offenbar benötigt unsere spezifische Kritik mehr Erklärungen und Informationen, damit sie in unserem Sinne verstanden wird.

Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass wir uns von den Anschauungen christlich fundamentalistischer Abtreibungsgegner_jnnen klar distanzieren. Stattdessen möchten wir uns explizit für das Recht auf Selbstbestimmung aussprechen, sich uneingeschränkt für oder gegen eine Abtreibung entscheiden zu können.

Trotz dieser klaren Haltung möchten wir auch die Widersprüche und Probleme diskutieren, die sich im Laufe unserer Auseinandersetzungen mit diesem Themenfeld gezeigt haben. Wir möchten – in Anknüpfung an bereits geführte queer/feministische Debatten – eine Diskussion anregen, die die Widersprüche dieser Thematik einbeziehen.
Dabei reihen wir uns in eine lange Tradition von Bewegungen ein, die sich mit dem Thema befasst haben und befassen, so z.B. Behindertenbewegungen, Frauenbewegungen, antikoloniale Bewegungen, feministische Bewegungen.

An dieser Stelle möchten wir kurz auf einige Dimensionen der Debatte eingehen, die wir noch weiter diskutieren möchten:

Pro choice – contra selection: Die Forderung, sich für oder gegen eine Abtreibung entscheiden zu können, ist seit den 60er Jahren ein wichtiger Kampfplatz feministischer Bewegungen, auf dem schon einige Erfolge verzeichnet werden konnten. Mit den neuen Reproduktionstechnologien werden die Möglichkeiten unübersichtlicher. Neben der Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft muss oft auch damit umgegangen werden, dass der Fötus laut Ärzt_innen eine bestimmte genetische Prädisposition haben könnte und damit mit bestimmter Wahrscheinlichkeit eine „Krankheit“ und/oder „Behinderung“. Über diese Problematik gibt es zahlreiche Debatten, in denen behindertenfeindliche Argumente mit feministischen Selbstbestimmungsforderungen Hand in Hand gehen. Auf der Ebene der individuellen Entscheidung scheint es schwer, ein richtig oder falsch zu finden. Doch das ist die Ebene, auf der meist argumentiert wird, was möglicherweise auch daran liegt, dass im Kampf gegen §218 die individuelle Selbstbestimmung als Hauptargument herangezogen wurde: „mein Bauch gehört mir“ als klassisches Statement dieser Bewegung fokussiert auf die schwangere Frau als Individuum.
Unseres Erachtens tendieren diese Debatten dazu, gesellschaftliche Verantwortung zu individualisieren, anstatt politische Auseinandersetzung zu ermöglichen. Aktuelle queerfeministische Theorien analysieren Machtverhältnisse als Zusammenspiel verschiedener gesellschaftlicher Kategorien und Bewertungen, die sich nicht voneinander trennen lassen und die ohne einander auch nicht funktionieren. Diese Theorien bieten ein Werkzeug, um neoliberale Vorstellungen vom selbstverantwortlichen perfekt funktionierenden Individuum beispielsweise als sowohl sexistisch als auch behindertenfeindlich zu analysieren.

Fragen zu Reproduktionstechnologien: Ein weiteres Widerspruchsfeld sehen wir darin, dass wir uns gegen jede Form von biologistischem Determinismus wenden wollen und es ablehnen, dass Genetik als aktuelle Hype-Wissenschaft festlegt, welche Voraussetzungen zu welchen Möglichkeiten führen. Gleichzeitig möchten wir uns nicht gegen sämtliche Reproduktionstechnologien positionieren, da diese auf der anderen Seite neue Möglichkeiten von Reproduktion, wie z.B. die Loslösung von Sexualität und Reproduktion ermöglichen. Aktuell ist es jedoch so, dass genetische Forschung und Reproduktionstechnologien so eng miteinander verwoben sind, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist. Selbst feministische Samenbanken bieten beispielsweise genetische Screenings an, sortieren Samenspender nach normativen Kriterien aus, klassifizieren sie nach rassistischen Kategorien und haben bestimmte konservative Vorstellungen davon, welchen Personen sie überhaupt Samen verkaufen [3]. Ist es also überhaupt möglich, die Reproduktionstechnologien queerfeministisch zu nutzen? Wenn ja wie? Wo finden solche Versuche möglicherweise schon statt? Auf welche Schwierigkeiten stoßen wir dabei? Eine solche Dabatte halten wir für spannend und notwendig.

Als konkreter Ort solcher Debatten können lesbischfeministische Kontexte angesehen werden, in denen schon seit Jahren verhandelt wird, inwiefern Lesben Reproduktionstechniken innerhalb und außerhalb von medizinischen, kapitalistisch arbeitenden Institutionen nutzen können oder wollen. Eine Frage ist hier z.B. inwiefern es ein emanzipatorisches Ziel sein kann, dass Lesben bzw. Personen, die nicht die normativen Vorgaben erfüllen Samenbanken in Deutschland offiziell nutzen können. Aber auch jenseits solcher Institutionen stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien wir beispielsweise private Samenspender auswählen. Achten wir dabei auf Anzeichen von „genetischer Prädisposition“, z.B. bezüglich Aussehen, Krankheiten, Talenten? Lässt sich das überhaupt umgehen?
Unser Versuch uns politisch gegen eine Form von sexistischer, heternormativer, zweigeschlechtlichkeitstabilisierender Form von pränataler Diagnostik zu positionieren, hat für uns viele Fragen aufgeworfen. Wir möchten diese Fragen mit Expert_innen, Betroffenen, Interessierten und anderen Fragenden diskutieren.

QueerFem AG

[1] Vgl. Schultz, Susanne (2010): Geschlechtstest, GID 200/2010 Seite 28- 29 (Online http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/200/schultz/geschlechtstests, Stand 21.10.2010)
[2] Ebenda; vgl. Bhatia, Rajani (2009): Pink and Blue, GID 192/ 2009 Seite 29- 33 (Online: http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/192/bhatia/pink-and-blue; Stand 21.10.2010)
[3] Siehe »The Sperm Bank of California (TSBC)«: Samenbank Oakland, die aus dem feministischen Gesundheitszentrum hervorgegangen ist: http://thespermbankofca.org/pages/page.php?pageid=2&cat=2 (Stand 25.10.2010)

The kids are alright

Eine Überraschungs-Aktion gegen Geschlechtstests

Sie sind überall und es werden immer mehr: Tausende Überraschungs-Eier überfluten derzeit Spielplätze, Häuser und Autos, Clubs, Straßenbahnen und Universitäten, Brückengeländer, Mülltonnen und Klodeckel.
Die bunten Aufkleber sind ein Statement gegen die vorgeburtliche Geschlechtswahl. Sie kritisieren die aktuelle Vermarktung von Wunschgeschlecht und Geschlechterstereotypen („Ich wünsche mir eine Tochter, damit ich jemanden zum Shoppen habe“), wenden sich gegen den Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit und verurteilen die permanente Optimierung und Planbarkeit des Lebens. Kinder sind nicht planbar! Kinder sind nicht rosa oder blau, und sie sind keine Konsumgüter. In diesem Sinne: Gegen Geschlechtswahl! Gegen MicroSort und familiy-balancing!

Macht mit bei der Überraschungs-Aktion, klebt so viel Ihr könnt und helft, eine kritische Diskussion zu Geschlechts-Tests anzustoßen!
Zu bestellen sind die Aufkleber per eMail: kinderueberraschen@web.de

Und falls Ihr irgendwo Aufkleber seht, bitte fotografieren und mailen – am besten mit der Angabe, wann und wo Ihr den Aufkleber gesehen habt. Alle Bilder werden in die Ei-Kleb-Aktion-Galerie aufgenommen!